Der Norden macht mobil

Didrik Solli-Tangen startet in Oslo für Norwegen © Scanpix Fotograf: Trond Reidar Teigen
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Nach zwei schmachvollen Niederlagen 2008 und 2009 könnte für den schwedischen Komponisten Frederik Kempe und seine norwegische Co-Autorin Hanne Sørvaag nun endlich die Stunde des Erfolgs gekommen zu sein. Mit "My Heart Is Yours" haben die beiden eine keltische Bombast-Ballade im Stil von "You Raise Me Up" geschaffen (einem Titel von Rolf Løvland, der durch die Gruppe Westlife zu weltweitem Erfolg gelangte), stimmlich souverän vorgetragen von Jungtenor Didrik Solli-Tangen. Er ist die eigentliche Geheimwaffe des Autorenteams im Dienste Norwegens, denn im Unterschied zu Kempes früheren Interpretinnen verfügt der 22-Jährige neben Talent auch über eine umwerfende Ausstrahlung und ein einnehmendes Lächeln.

Sieg der Fremdenlegion

Auch in Dänemark führen in diesem Jahr die Schweden das Regiment. Mit "In A Moment Like This" hat Thomas G:son, der schwedische Ralph Siegel, wieder einmal gezeigt, dass er sein stromlinienförmiges Handwerk bestens beherrscht. Unterstützt wurde die nachbarschaftliche Übernahme von Hendrik Sethson (mit dem G:son bereits den schwedischen Beitrag 2001 geschrieben hat) und Erik Bernholm, der als Produzent für Salehnes "Runaway" verantwortlich zeichnet. Die kühle Berechnung des sehr herkömmlichen 80er-Jahre-Popsongs gipfelt in der Wahl der Interpreten: Thomas N’Evergreen lebt in Russland und kann dort diverse Charterfolge vorweisen, Christina Chanée fungiert neben dem blassen Sänger als attraktiver Eyecatcher. Kann für die Qualifikation reichen, muss aber nicht.

Musikalisches Kanonenfutter

Teilnehmer beim ESG Treffen in Köln  Fotograf: Matthias Stelte
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Nach dem zweiten Platz bei der dänischen Vorentscheidung 2009 und diversen Support-Acts als Chorsängerin bekommt Hera Björk Þórhallsdóttir nun endlich die verdiente Chance, für Island zu singen und ihre hervorragende Stimme als Solistin international unter Beweis zu stellen. Komponist Örlygur Smári, der für die isländischen Beiträge 2001 und 2008 verantwortlich zeichnet, hat ihr mit seiner Vorliebe für den Eurodance-Sound der 1990er-Jahre allerdings einen Bärendienst erwiesen: "Je ne sais quoi" ist ein glanzloser Nachzieher von "This Is My Life" von Euroband und alles andere als originell. Der stampfende Rhythmus lässt Hera Björk dank ihrer Leibesfülle choregraphisch nur die unglückliche Wahl zwischen statisch und lächerlich. Die Chancen für eine Finalqualifikation? Comme ci, comme ça.

Kampf mit ungleichen Waffen

Fiel die zypriotische Vorentscheidung im vergangenen Jahr durch ausgesprochene Langeweile auf, war in diesem Jahr eine erfreuliche Erweiterung der musikalischen Vielfalt festzustellen, die von Britpop über R&B bis zu Punk-Reggae reichte. Bedauerlich nur, dass sich die gesanglichen Leistungen mit nur wenigen Ausnahmen auf gehobenem Karaokeniveau bewegten. Kaum nachzuvollziehen, dass einige der erfolgreichsten griechischsprachigen Künstler aus Zypern stammen. Das Rennen machte denn auch der walisische Sänger Jon Lilygreen mit dem erfrischend radiotauglichen Liebeslied "Life Looks Better In Spring", für das der 22-Jährige vom Studiopublikum sogar Szenenapplaus erhielt. Vielleicht aber auch für sein im Vergleich zur Konkurrenz akzentfreies Englisch.

Die alte Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht

Der Wirbel, der um nationale Musikerlegenden gemacht wird, gibt Außenstehenden häufig Rätsel auf. Wenn diese Musikerlegenden auch noch in einem Segment populär sind, über das man im Ausland bevorzugt die Nase rümpft, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Nach der grandiosen Pleite mit den Toppers im vergangenen Jahr steuern die Niederlande mit "Ik ben verliefd (Sha-la-lie)", komponiert von "Vadder Abraham" Pierre Kartner, zielsicher ihrer nächsten ESC-Frustration entgegen. Überraschend zwar, was die fünf bislang unbekannten Vorentscheidungsteilnehmer mit neuen Arrangements aus dem 70er-Jahre-Schlager herausholten, doch für die siegreiche Sieneke wird in Oslo ein kleines Wunder vonnöten sein, um im Finale mitsingen zu dürfen.

Autorin/Autor: Dr. Irving Wolther
Stand: 08.02.2010 10:00